Gedichte

Liebesgedicht von Gottfried Benn

Elisabeth.

 

Meines heißen, wilden Herzens

Sünd‘ u. Sehnsucht wollt‘ ich nun

Dir in Deine Hände geben:

Nimm es hin u. laß es ruhn.

 

Sollt’st es wissen, daß mein Leben

Friedlos, einsamsmüd‘ verderbt,

Daß mein schäumender Lebensbecher

Auch von Sünden schon verfärbt.
Doch jetzt dacht‘ ich. Daß ich Liebe

Sünd‘ u. Sehnsucht nun durchtollt,

Daß ich nun in Deine lieben

Hände alles legen sollt‘!

 

Doch du sagst, Du darfst nicht nehmen

darfst nicht – wie mein Herz auch litt –

Tränen nur und tote Träume

Nehm‘ ich heut‘ beim Abschied mit.

 

Ihr treuer Gottfried Benn.

Marburg, 5. 8. 1904

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Gedichte

Dunkel war’s, der Mond schien helle…

dunkel-wars-der-Mond-schien-helle

Dunkel war’s, der Mond schien helle

Schnee bedeckt die grüne Flur,

Als ein Wagen blitzeschnelle

langsam um die Ecke fuhr.

Drinnen saßen stehend Leute

Schweigend ins Gespräch vertieft,

Als ein totgeschoss’ner Hase

Auf der Wiese Schlittschuh lief.

Und auf einer roten Bank,

Die blau angestrichen war,

Saß ein blondgelockter Jüngling

Mit kohlrabenschwarzem Haar.

Neben ihm ‘ne alte Schachtel,

Zählte kaum erst sechzehn Jahr‘.

Und sie aß ein Butterbrot,

Das mit Schmalz bestrichen war.

Droben auf dem Apfelbaume,

Der sehr süße Birnen trug,

Hing des Frühlings letzte Pflaume

Und an Nüssen noch genug.

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